Die Zukunft ist nachhaltig

Können Laufschuhe ökologisch hergestellt werden?

Wir stehen vor einem Dilemma: Einerseits benötigen wir regelmäßig neue Laufschuhe. Andererseits steht unser Konsum in Konflikt mit einem nachhaltigen Lebensstil, denn Laufschuhe werden häufig auf Kosten der Umwelt produziert. Zeit umzudenken.
Text: Wiebke Knoche | Fotos: Icebug, Veja

Wir verbrauchen bereits mehr Ressourcen als die Welt regenerieren kann“, fasst David Ekelund, Gründer der schwedischen Outdoor- und  Laufschuhmarke Icebug, die mitunter größte Herausforderung unserer Zeit zusammen. Für ihn und sein Unternehmen steht daher fest: „Wir müssen Schuhe herstellen, die die Menschen wirklich brauchen und die besonders langlebig sind. Gleichzeitig müssen wir in der Produktion die negativen Auswirkungen auf die Umwelt minimieren.“ Dieser Aufgabe haben sich auch Sportkonzerne wie Veja, Adidas oder Lunge angenommen.

Wundermaterial Plastik

Ein ambitioniertes Ziel, wenn man bedenkt, dass Laufschuhe aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften spezielle  Anforderungen an das Material stellen. Um den Fuß beim Laufen zu stützen, den Aufprall des Fußes zu dämpfen sowie Atmungsaktivität zu garantieren, sind Kunststoffe (etwa EVA), Kunstfasern (Polyester) und Gummi (z. B. für die  Außensohle) nötig – meist überwiegend erdölbasierte Stoffe, die biologisch schwer abbaubar sind. Plastik und Kunststoffe gelten als besonders geeignet, denn je nach Bedarf kann der Werkstoff sowohl gewebt als auch geschäumt werden, ist leicht  sowie fest oder flexibel. „Es gibt keine wirklich praktikablen Alternativen, die es vollständig ersetzen können, wenn es um Zwischensohlenschäume und Laufsohlenmischungen geht“, sagt Ekelund.

Recyceln und ersetzen

Die Bemühungen der Hersteller, ihre Produkte nachhaltiger zu gestalten, konzentrieren sich daher in erster Linie auf die Verwendung von recycelten Materialien. Icebug nutzt für die Außensohle seiner Trailschuhe 15 Prozent recyceltes Gummi, zusätzlich besteht das Obermaterial aus recyceltem Polyester. Und: 20 Prozent der Mittelsohle stammen aus Bloomfoam Algenschaum, einem biologischen Schaum, der aus parasitären Algen hergestellt wird. Für die Herbst- und Wintersaison entsteht der Großteil der Zehen- und Fersenverstärkung an den Trail-Schuhen zudem aus recycelten Nylon- Fischernetzen, von denen jährlich 640.000 Tonnen im Meer landen. „Es ist gut, dass man eine negative Sache in eine gute Sache verwandeln kann. So werden gleichzeitig die Ozeane und Strände von Müll gereinigt, während weniger Erdöl verbraucht wird“, erklärt Ekelund.

Mit gutem Beispiel vorangehen - das hat sich Icebugzum Ziel gesetzt. Seit 2019 ist die schwedische Firma die erste klimapositive Outdoor-Schuhmarke der Welt.
Foto: Icebug

Laufschuh aus dem Meer

Den Kampf gegen die Verschmutzung der Weltmeere unterstützt auch Adidas. Bereits seit 2015 kooperiert der  Sportkonzern mit der Umweltschutzorganisation „Parley for the Oceans“. Aus der Partnerschaft ist eine Kollektion an Laufschuhen entstanden, die aus recyceltem Plastikmüll hergestellt werden, darunter unter anderem der UltraBoost  Parley. Das an Stränden und Küstenregionen gesammelte Plastik wird zu Garn verarbeitet, aus dem wiederum das Primeknit-Obermaterial der Schuhe entsteht. Das fertige Upper besteht dadurch bis zu 95 Prozent aus Müll, der nicht im Meer landet. In diesem Jahr plant das Unternehmen einen Rekordwert von 15 bis 20 Millionen Paar Schuhe mit  Plastikmüll zu produzieren, im vergangenen Jahr waren es 11 Millionen. Darüber hinaus richtet Adidas jährlich den „Run for the Oceans“ aus – ein Laufprojekt, bei dem Menschen auf der ganzen Welt im Zeitraum vom 8. bis 16. Juni über die Runtastic-App Kilometer sammeln können. Pro gelaufenem Kilometer spendet Adidas dann einen Dollar für Bildungsprojekte mit dem
Schwerpunkt Umwelt.

Ein Schuh, ein Kreislauf

Eine große Hürde bei der Produktion nachhaltiger Laufschuhe stellen die komplexen Materialmischungen sowie der Einsatz von Klebstoff dar. Üblicherweise entstehen dadurch Schuhe, deren Materialien nach Ablauf des Lebenszyklus nur zu minderwertigen Produkten weiterverarbeitet werden können. Mit dem Futurecraft Loop hat Adidas im letzten Jahr erstmals einen vollständig recyclingfähigen Laufschuh entwickelt. Bei diesem wird lediglich eine Materialart verwendet, auf Klebstoff wird komplett verzichtet. Damit ist jede Komponente des Schuhs wiederverwertbar und er kann am Ende seines „Lebens“ an Adidas zurückgegeben werden. Dort wird das Material gereinigt und der Schuh in seine Bestandteile zerlegt, ehe er eingeschmolzen wird und als Basis für ein neues Paar Laufschuhe dient (Loop creation process). Das Resultat ist ein Prozess ohne Abfall, bei dem die Qualitätsstandards des Laufschuhs erhalten bleiben. Derzeit befindet sich der Futurecraft Loop in der Testphase, die Markteinführung ist für 2021 geplant.

Herstellung vor Ort

Das Thema Nachhaltigkeit spielt auch für die Brüder Lunge eine zentrale Rolle. Die Entwicklung und Fertigung der gleichnamigen Laufschuhe erfolgt vom Zuschnitt der Materialien bis hin zum Verpacken der Ware ausschließlich in ihrer Manufaktur im mecklenburgischen Düssin. „Das vermeidet Transportemissionen“, sagt Ulf Lunge. Zudem gelten dadurch die strengen EU-Arbeitsstandards. Auch die benötigten Materialien kommen aus Deutschland – von Lieferanten, die die Brüder sorgfältig auswählen und prüfen. So wird für die Innensohlen der Laufschuhe, die rund 5.000 Kilometer halten, giftfreier künstlicher Latexschaum verwendet, der in Norddeutschland produziert wird. Die Hinterkappe der  Schuhe besteht aus recyceltem Mullgewebe und ehemaligen CDs. Lunge verlangt von allen Zulieferern, dass ihre  Materialien schadstofffrei gemäß Öko-Tex 100 Standard sind. Die Fräsung der Sohlen erfolgt in großen Öfen, wodurch beim Heizen CO2 gespart wird. Für die Schäfte der Schuhe werden moderne Nähautomaten mit Schrittmotoren verwendet, die einen geringen Stromverbrauch haben.

Mit dem Veja Condor hat das Eco-Sneakerlabel erstmals einen nachhaltigen Laufschuh entwickelt, der zur Hälfte aus nachwachsenden Rohstoffen besteht.
Foto: Veja

Faire Produktion hat ihren Preis

Eine aktive Marke im Bereich Nachhaltigkeit ist auch Veja. Der Name kommt aus dem Portugiesischen und bedeutet übersetzt „schau hin“ – passend zur Philosophie des Unternehmens, das bereits seit 15 Jahren transparent produziert. Mit dem Veja Condor hat das französische Eco-Sneakerlabel 2020 erstmals einen nachhaltigen Laufschuh hergestellt, der zu knapp 50 Prozent aus nachwachsenden und recycelten Rohstoffen besteht. „Dass noch immer 99 Prozent der Laufschuhe, die heute auf dem Markt sind, aus synthetischem Kunststoff, der auf Erdölbasis hergestellt wird, bestehen, ist eine echte ökologische Katastrophe“, so die Gründer Sébastien Kopp und François-Ghislain Morillion. Produziert wird der Veja Condor in einer Fabrik in Brasilien, in der besonders auf die Rechte der Arbeitnehmer sowie faire Arbeitsbedingungen geachtet wird. Die Sohlen des Schuhs bestehen aus fair gehandeltem Naturkautschuk aus dem Amazonas, ebenso wie die verwendete Biobaumwolle. Da die umweltfreundliche Produktion der Veja-Schuhe ihren Preis hat, verzichtet das Unternehmen auf Ausgaben für Werbung und Marketing, um den Schuh für eine verträgliche Summe verkaufen zu können.

Auch bei Icebug ergeben sich durch die Verwendung nachhaltigerer Materialien höhere Kosten. Doch nicht nur das: „Ich würde sagen, dass eine wirklich seriöse Nachhaltigkeitsagenda eine zusätzliche Dimension der Arbeit mit sich bringt“, sagt David Ekelund und meint damit vor allem komplexe Prozesse, wie das Verstehen der Auswirkungen von Materialien sowie das Testen dieser vor der Produktion, um keine Einbußen im Laufkomfort zu haben. Doch der Aufwand lohnt sich: Seit 2019 ist Icebug die erste klimapositive Outdoorschuh-Marke der Welt. Nicht zu vermeidende Emissionen gleicht das Unternehmen zu 200 Prozent aus. Das bedeutet: Betragen die verursachten CO2-Emissionen beispielsweise 11 Kilogramm/ Schuhpaar, kompensiert Icebug 22 Kilo mit Spenden für Klimaschutz-Projekte. Mit gutem Beispiel vorangehen und Überzeugungsarbeit für die gesamte Branche leisten, so lautet die Mission von David Ekelund. Denn für den Schweden ist eines sicher: „Es gibt nur eine Zukunft – und die ist nachhaltig.“

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