Big Data am Handgelenk

Laufcomputer im Detailcheck

Viele Läufer, die etwas auf sich halten, tracken ihre Einheiten. Dies erledigen heute leistungsfähige Uhren. Doch lohnt sich die Investition in die teuren Geräte? Wir haben vier High-End-Uhren auf den Zahn gefühlt. Das Ergebnis ist vielversprechend.
Text: Anne-Katrin Leich und Björn Leich | Fotos: GettyImages/RyanJLane; Hersteller

GPS- und Pulsmessung gehören schon längst zu den Standardfunktionen, sodass sich die Kernmarken der Laufuhren-Branche inzwischen durch andere Kompetenzen abheben müssen. Dabei gehört Garmin das Monopol der Kartennavigation, Polars neuestes Flaggschiff, die Vantage V, wertet in innovativer Ausführlichkeit das Training aus und Suunto ist in Sachen Akkuleistung bei dennoch genauer Distanzmessung ungeschlagen.

Pulserfassung am Handgelenk kann inzwischen ebenfalls nicht mehr als Alleinstellungsmerkmal gelten, obwohl diese Funktion kaum eines der Produkte zuverlässig beherrscht und sich regelmäßig Ausreißer genehmigt: Die Garmin Fenix 5S Plus streikte beispielsweise bei einem Wettkampf und lieferte zu niedrige Werte – trotz (oder wegen?) einstelliger Temperaturen.

Die Suunto 9 zählte etwa bei einer Testerin permanent circa zehn Schläge mehr als eine simultane Messung per Pulsgurt. Die Zuverlässigkeit der Handgelenksmessung pauschal in Frage zu stellen, ist allerdings schwierig, da deren Genauigkeit wesentlich vom Sitz der Uhr am individuellen Handgelenk abhängig ist. Sicher ist nur: Wer genaue Daten wünscht, ist mit einem Pulsgurt stets gut beraten.

Was Sie erwarten dürfen

In Sachen Display geht der Trend zur kombinierten und sogar optionalen Touchbedienung. Während das Produkt von Garmin ganz darauf verzichtet, lassen sich Suunto und Polar wahlweise zum Teil mit oder komplett ohne Touch nutzen. Für die Bedienung der Samsung Galaxy Watch kommen Sie hingegen nicht um das Displaytippen herum.

Zur vollumfänglichen Trainingsauswertung werden die Uhren standardgemäß via Smartphone, Laptop oder PC synchronisiert und die Daten lassen sich online einsehen. Lediglich die Galaxy Watch verzichtet auf eine eigene Weboberfläche und beschränkt sich auf eine Smartphone-App. Der Datentabelle oben können Sie entnehmen, worin sich die getesteten Produkte im Detail unterscheiden.

Im Einzel-Check auf den Folgeseiten gewähren wir zusätzliche Einblicke, wie sich die Uhren im Trainingsalltag geschlagen haben – mit besonderem Fokus auf die individuellen Stärken und womöglich lästigen Macken der digitalen Begleiter. Damit Sie die Produkte noch besser vergleichen können, wurden in den Kategorien Funktionsumfang, Tragekomfort und Akkuleistung Punkte auf einer Skala von null bis fünf vergeben.

Wie wir getestet haben

Als Bezugsmaßstab galten die Produkte innerhalb des Tests, sodass bei jeder Kategorie mindestens eine Uhr die höchste Punktzahl erreichte. Hinsichtlich des Funktionsumfangs schnitt die Fenix 5S Plus am besten ab, sodass sich alle Uhren an ihr messen mussten. Hauptkriterium für den Tragekomfort war, wie angenehm sich das Produkt bei dem für eine Pulsmessung am Handgelenk notwendigen sicheren Hautkontakt, tragen lässt.

Hierfür wurden verschiedene männliche und weibliche Tester einbezogen. Die Akkuleistung wurde umso schlechter bewertet, je häufiger die Uhr bei durchschnittlichem Gebrauch von circa vier Lauftrainings plus Ergänzungstraining (Stabi, Spinning) pro Woche geladen werden musste. Für eine Kaufentscheidung bedarf es schlussendlich aber Ihrer individuellen Reflexion, inwiefern bestimmte Funktionen (beispielsweise Musik oder Angaben zur Trainingswirkung) verzichtbar, Abstriche im Tragekomfort akzeptabel oder aber häufigeres Laden zugunsten anderer Funktionen tolerierbar sind.

Garmin
Fenix 55 Plus

Die 42-Millimeter-Variante der Fenix-5-Plus-Serie ist ambitioniert: Das enorme Funktionsspektrum reicht von der Erfassung einer gigantischen Menge an Leistungsdaten über eine Navigation mit farbiger Karte und Musikfunktion bis hin zu Garmin Pay, dem Bezahlen per Uhr. Um ­Daten wie Laufeffizienz, Bodenkontaktzeiten und die ­Balance der Bodenkontaktzeit ermitteln zu können, ist allerdings der Pulsgurt HRM-Tri (um 130 Euro) unabdingbar. In der Tat beherrscht die Fenix 5S ihren Job überraschend bravurös. Das edle, hochwertige Design der kompakten Uhr mit Chrom-Komponenten, Saphirglas und wenig Plastik schlägt allerdings auf der Waage zu Buche und macht sich beim Tragekomfort bemerkbar. Problematisch ist die Scharnierverbindung zwischen Gehäuse und Armband, welche zwar einen schnellen Armbandwechsel ermöglicht, jedoch das Anschmiegen an das Handgelenk für eine lückenlose Pulsmessung beeinträchtigen kann. Den Akku­stand sollten Sie überdies ständig im Blick haben, im Test wurde ein Lauftraining mit Nutzung der Musikfunktion bei 22 Prozent Akku gestartet und bereits nach 40 Minuten schaltete sich die Fenix 5S Plus ab. Die 47-Millimeter-Version (mit höherer Akkulaufzeit) gibt es für rund 50 Euro Aufschlag.

Fazit: Wer eine Uhr mit breitem läuferspezifisch abgestimmtem Funktionsrepertoire sucht, ist mit der Fenix-5-Plus-Serie gut beraten: Die Uhren bürden sich etliches auf – sie liefern allerdings auch zuverlässig ab. Zu den Wermutstropfen zählt neben dem Preis die geringe Akkulaufzeit, gerade bei einer gleichzeitigen GPS- und Musiknutzung.
Preis: um 800 Euro
Hersteller: www.garmin.com
Polar
Vantage V

Die Polar Vantage V analysiert aufgezeichnete Daten unter Berücksichtigung des individuellen Belastungsempfindens, um dann Rückmeldung über die kurz- und langfristigen Auswirkungen des Trainings auf das Herzkreislaufsystem zu geben. Daraus ergibt sich ein aktueller Cardio Load Status, der Ihre Trainingspraxis auf einer Skala von unter- bis überfordernd einstuft. Zusätzlich liefert ein morgendlicher Orthostatischer Test eine Einschätzung zur Erholung – gegebenenfalls mit dem Hinweis, eher leichter zu trainieren oder gar zu pausieren. Auch wenn das häufige Durchführen des Orthostatischen Tests (circa 4 Minuten) müßig erscheinen mag: Zuverlässige Trainingstipps bedürfen einer soliden Datengrundlage – und sobald die Uhr mit genügend Einheiten gefüttert wurde (im Test dauerte dies circa drei Wochen), trifft sie brauchbare Aussagen. Das hilft nicht nur dem unerfahrenen Läufer, sondern auch dem routinierten Athleten, um den eigenen Beanspruchungsgrad zu reflektieren. Überdies erweist sich das Schlaftracking bis auf wenige Ausnahmen als sehr präzise, das Armband als äußert komfortabel und die Pulsmessung am Handgelenk als recht genau. Müßig sind allerdings wiederholte Kopplungsprobleme mit Sensoren infolge von Updates.

Fazit: Die Vantage V zeichnet sich durch ein ausführliches Trainingsauswertungstool aus: Sie verknüpft objektive Messungen mit subjektiven Einschätzungen ihres Trägers und unterstützt Läufer bei der reflektierten Beurteilung des eigenen Trainingspensums. Die Sportuhr glänzt insbesondere mit einem kaum schlagbaren Tragekomfort und Leichtigkeit.
Preis: um 500 Euro
Hersteller: www.polar.com
Suunto
Suunto 9

Das Alleinstellungsmerkmal der Suunto 9 ist der besonders leistungsstarke Akku. Je nachdem, wie lange Sie unterwegs sein werden, können Sie zwischen den Aufzeichnungsmodi Performance, Endurance und Ultra switchen – auch während des Trainings. Der Ultra-Modus mit ­satten 120 Stunden Batterielaufzeit zeigt, für wen die ­Suunto 9 gemacht ist: Den anspruchsvollen Athleten mit besonders langem Atem. Da ist das außerordentlich robuste Gehäuse die logische Konsequenz. Durch die FusedTrack-Technologie, die zusätzlich zur GPS-Messung Distanzdaten mithilfe der Beschleunigung ermittelt, liefert die Suunto 9 selbst im Ultra-Modus exakte Streckenlängen. Das angestaubte Image von der kontraintuitiven Menüführung ist Suunto übrigens spätestens mit dieser Uhr los. Es überzeugen eine moderne, filigrane, aber gut lesbare Anzeige, ein umfangreiches und detailliertes Menü, ein Farbdisplay mit optionaler Touchbedienung und eine ausführliche Trainingsauswertung direkt auf der Uhr, unter anderem mit Pulsdiagramm. Die Größe des Displays und das Gewicht beeinträchtigen allerdings den Tragekomfort, insbesondere, wenn die Uhr für eine Pulsmessung direkt auf der Haut getragen wird: Dann kann sie ­unangenehm auf das vorstehende Knochenende der Elle drücken.

Fazit: Die Suunto 9 gehört an das Handgelenk abenteuerhungriger Trail-Runner, die ein langlebiges, strapazier­fähiges und zuverlässiges Produkt ohne unnötigen Schnickschnack an ihrer Seite brauchen und dafür eine ­gewichtigere Uhr zugunsten eines großen Displays gern in Kauf nehmen.
Preis: um 500 Euro
Hersteller: www.suunto.com
Samsung
Galaxy Watch

Die Samsung Galaxy Watch ist primär eine Smartwatch mit Sportfunktion, weniger eine Laufuhr mit Smartwatch-Charakter. Aufgrund der geringeren Displaygröße erweist sie sich als klein und kompakt am Handgelenk und sammelt Pluspunkte beim Tragekomfort. Die Aufzeichnung des Trainings erfolgt standardmäßig über die hauseigene Samsung Health App, die allerdings eine Rundenzeitnahme vermissen lässt. Alternativ können andere gängige Sport-Apps wie beispielsweise Strava installiert werden. Die Galaxy Watch eignet sich als Begleiter für den sport­lichen Alltag: Tagesaktivität und Schlaftracking gehören zum Repertoire. Möchte das Modell allerdings für sich beanspruchen, als 24/7-Begleiter zu gelten, mit dem mindestens jeden zweiten Tag trainiert wird, muss ihr die schwache Batterielauf- und die lange, täglich nötige Ladezeit (von mitunter bis zu 2:30 Stunden) angekreidet werden, die eine umfängliche Aufzeichnung kaum ermöglicht. Hinzu kommt, dass sich optional und als Alternative zur Pulsmessung am Handgelenk kein Brustgurt koppeln lässt. Tragen Sie die Uhr bei Kälte oder Regen über der Kleidung, fehlen entsprechende Pulswerte. Wünschenswert wäre zudem eine Auswertungsmöglichkeit mithilfe einer Web­oberfläche, um Einblick in die Trainingsdaten zu erhalten.

Fazit: Aus der Perspektive eines Läufers, der nach einer Uhr für Trainingsaufzeichnung und den aktiven Alltag sucht, ist der Funktionsumfang der Samsung Galaxy Watch zu gering. Die zum Teil obligatorische Touchbedienung, die ausschließliche Pulsmessung am Handgelenk und die schwache Akkuleistung sorgen für Minuspunkte.
Preis: um 310 Euro
Hersteller: www.samsung.com
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