Kopfhörer

It Started In The 80s

Bei der Akustik scheiden sich die Laufgeister. Während die reinen Naturliebhaber die pure Stille des Waldes genießen, mögen die anderen ihre Lieblingsmusik, ein spannendes Hörbuch oder die Nachrichten „auf den Ohren“ und steigern so den Spaß am Sport
Text: Dr. Stefan Graf | Fotos: Silas Stein

Die technischen Möglichkeiten sind mit Smartphone oder MP3-Player allemal gegeben, um sogar eine Ultradistanz unter Dauerbeschallung zu absolvieren. Damit sich der stundenlange Hörgenuss nicht zum nachträglichen Hörverdruss entwickelt, sind einige Material- und Vernunftsregeln zu beachten.

Oben auf der Warnliste

Vermutlich kennen viele das Erlebnis des unfreiwilligen Mithörens, wenn in Bus oder Bahn die unter dem Headset des Nachbarn hervordröhnenden Bässe die eigenen Ohren belästigen. Das Thema Lautstärke steht ganz oben auf der Warnliste von HNO-Ärzten. In Deutschland ist fast jeder Fünfte, bei Jugendlichen sogar jeder Vierte von Gehörschäden betroffen. Ein wichtiger Risikofaktor sind Schallquellen direkt am Ohr.

Wie laut ist zu laut

Mit dem Smartphone verbundene Kopfhörer prägen heute das Stadtbild weltweit. In Läuferkreisen fand die mobile Beschallung bereits seit den 1980er-„Walkman-Zeiten“ ihre Anhänger. Die Technik dazu entwickelte sich rasant – die Risiken für Hörschäden sind größtenteils geblieben. Gerade wenn Umgebungsgeräusche den Hörgenuss stören, wird der Lautstärkeregler gern nach oben justiert – das gilt für Musik wie Sprache gleichermaßen. Bereits bei 80 Dezibel (db), das entspricht der Lautstärke eines nahe vorbeifahrenden Motorrades, drohen bei Dauereinwirkung bleibende Gehörschäden.

Im Reich der Sinne

Über die Ohrmuschel durch den äußeren Gehörgang geleitete Schallwellen versetzen das Trommelfell in Schwingungen, die über die Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss und Steigbügel) auf die Hörschnecke des Innenohrs übertragen werden. Diese ist mit einer Flüssigkeit (Ohrlymphe) gefüllt und beherbergt etwa 14.000 Haarsinneszellen.

Traumatisches Hörerlebnis

Die Aufgabe der Haarsinneszellen ist die Transformation der Schwingungen in elektrische Nervenimpulse, die ans Gehirn geleitet werden, wo der Höreindruck entsteht. Je höher die Lautstärke, desto größer ist die Amplitude der Schallwellen und umso stärker werden die Haarsinneszellen umgebogen. Ihr Aufrichten verbraucht dann immer mehr Energie, die bei andauernd lauter Schallbelastung nicht mehr über das Blut nachgeliefert werden kann. Wie Bäume im Orkan knicken die Härchen irreparabel ab.

Vom Einzel- zum Massenausfall

Die Haarsinneszellen im Innenohr können bereits bei 80 Dezibel Dauerbeschallung irreversibel zerstört werden. Chronisches Schalltrauma heißt der medizinische Fachausdruck dazu. Die Folge ist eine sogenannte Lärmschwerhörigkeit, bei der einzelne Frequenzen, zunächst im Bereich von 4.000 Hertz (Hz) nicht mehr wahrgenommen werden. Den Betroffenen fällt das oft gar nicht auf, bis immer mehr Frequenzen ausfallen. Irreversible Schwerhörigkeit droht häufig bereit in jugendlichem Alter.

Weniger ist mehr

Vernünftig ist es, das Smartphone oder den MP3-Player in Sachen Lautstärke stets runterzuregulieren. Wer es beim Laufen dennoch etwas lauter mag und sein Smartphone respektive den MP3-Player auf 60 Prozent – etwa 80 Dezibel – einstellt, sollte unbedingt einige Regeln in puncto Kopfhörer und Hördauer einhalten.

In-Ear-Kopfhörer

Die Vielfalt an Kopfhörern ist immens. Abgesehen von technischen Feinheiten wie Rauschunterdrückung, Impedanz, Frequenzumfang und anderen „Physikalien“ spielt aus ohrengesundheitlicher Sicht vor allem die Art des Schallwelleneintritts in den Gehörgang eine Rolle. Ohrstöpsel, die „in ear“ eingeschoben werden, dichten den äußeren Gehörgang sehr stark ab. Der Schalldruck wird direkt und ungedämpft auf das Trommelfell sowie das Innenohr übertragen.

On-Ear-Kopfhörer

Zuträglicher sind die größeren mit einer Polsterung ausgestatteten Bügel-/On-Ear-Hörer. Die Polsterung bringt Abstand und Luft zwischen das Innenohr und die Schallquelle. Zudem wird der Außengeräuschpegel gedämpft und damit der Drang zum Lauterstellen gemindert. Seit einigen Jahren sind ebenfalls speziell für Outdoor-Aktivitäten entwickelte Open-Ear-Kopfhörer auf dem Markt, die man nicht auf, sondern direkt vor die Ohren auf die Wangenknochen setzt.

Open-Ear-Kopfhörer

Bei Open-Ear-Kopfhörern werden die Schallwellen über die sogenannte Knochenleitung direkt auf das Innenohr übertragen. Der äußere Gehörgang bleibt offen, der Schalldruck auf das Trommelfell und damit der Sturm auf die Haarzellen entfällt. Über Klangqualität und Hörgenuss gehen die Meinungen auseinander, da auch Außengeräusche in den offenen Gehörgang dringen.

Intervall(hör)training

Wer längere Trainingseinheiten absolviert, tut gut daran, seinen Ohren regelmäßige regenerative Pausen zu gönnen. Spätestens nach einer Stunde Nahbeschallung freuen sich die Ohren über etwas Luft, Licht und Ruhe. Eine Viertelstunde (gern auch länger) das Vogelzwitschern oder nur die Sille des Waldes zu genießen, hat schließlich auch etwas für sich.

Mit Vernunft reduzieren

Die sicherste Lösung wäre der Verzicht auf Beschallung per Headphone. Doch will diese Variante dem Autor dieser Zeilen, der gern mal den Lauf- mit dem Hör(buch)genuss verbindet, nicht recht gefallen. Wer sich an die Vernunftsregeln von moderater Lautstärke, an das Intervallhören und den richtigem Umgang mit dem Equipment hält, kann die Gefahren erheblich reduzieren.

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